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Kolumbien und die große Frage nach Heimat

So ziemlich alles, was sich mir bis heute Kreatives erschlossen hat, begann vor etwas mehr als einem Jahr: Mein Abitur in der Tasche, den Leichtsinn der Freiheit im Kopf, alle Möglichkeiten und Optionen stehen mir in diesem Lebensabschnitt offen und die einzige Frage, die mich plagt ist, wie ich diese Zeit denn wohl am besten nutzen kann. Ich widersprach jedoch dem Konzept, direkt an die Universität zu gehen, mich im studentischen Alltag zu verlieren, dem nur allzu gern von heutigen Bildungspolitikern wiedergekäutenBild von einer verkürzten, intensiven Schullaufbahn, die kaum Rücksicht auf Charakterbildung nimmt, einem noch angespannteren Studium nach Bologna, nur um dann um die besten Jahre seiner Jugend beraubt auf dem Arbeitsmarkt geworfen zu werden, im Tiefsten. Das stellte sich als eine der besten Ideen heraus, die ich bis jetzt in meinem kurzen Leben hatte. Vorerst nach Anderem strebend, schloss ich mich mit zwei meiner besten Freunde zusammen und beschloss, eine Reise zu meinen Wurzeln mütterlicherseits, nach Kolumbien, zu unternehmen. Dieses Land, das ich fast nur durch Erzählungen und weit zurückliegende Besuche kannte, schlang sich um mein Gedächtnis wie ein farbiges Band, alles umrahmend und Sinn gebend. Wildeste Gerüche und Assoziationen kamen mir bei dem Gedanken an dieses Land, welches so anders und doch so gleich war wie der Ort, an dem ich geboren, aufgewachsen, sozialisiert, geliebt und gehasst wurde und allem voran in Anbetracht meiner bevorstehenden Reise vermisst werden würde. Doch genau so einen Ausbruch aus meinem Alltag und Bekanntem war die perfekte Entscheidung in meiner damaligen Situation. Fotografisch, besonders im analogen Bildprozess, absolut unerfahren, entschlossen wir uns im Freundeskreis, uns zwei analoge Point and Shoot-Kameras (die einfachste, vollautomatische Version von analogen Kameras) zuzulegen und, auf einige Rollen Film begrenzt, unsere Reise zu dokumentieren. All die Probleme und Missgeschicke, welche bei so einem Vorhaben durch fehlendes Wissen oder Erfahrung passieren können einfach ausklammernd, stürzten wir uns also in unser Abenteuer! Aufgrund dieses Urkontaktes mit der Analogfotografie baute ich diese Leidenschaft immer weiter aus und dementsprechend ist diese Rückkehr zu meinen Bildern von damals eine kleine Besonderheit für mich. Deshalb möchte ich euch hier eine kleine Auswahl an Bildern präsentieren, welche von meiner aus der heutigen Sicht immer noch sehenswert sind und zu mir aufgrund ihrer Rohheit und individuellen Geschichte sprechen und auch das Ganze in den Kontext unserer Reise setzen.

PortraitSchülerinAracataca (1)PortraitSchülerinAracataca1 (1)

Jugendliches Leben gibt es auf aller Welt in verschiedensten Ausformungen. Hier zwei Schülerinnen aus Aracataca (der Heimatstadt des begnadeten Schriftstellers Gabriel García Márquez, jedem, dem etwas an Weltliteratur liegt, sei das Buch „Hundert Jahre Einsamkeit“ wärmstens ans Herz gelegt), mit denen ein Nachmittag in einem viel zu heißen und überfüllten Bus verbracht wurde.

TayronaPalmenhain

Ein kleiner Ausblick auf einen Palmenhain im Nationalpark Tayrona. Er liegt am Fuße der Sierra Nevada de Santa Marta, dem höchsten Küstengebirge der Welt und ist deshalb extrem vielfältig in Bezug auf die Flora und Fauna. Leider zeigt sich hier eindeutig, wie sich im Laufe der Jahre ein karibisches Paradies Stück für Stück zu einem touristischen Hotspot entwickelt hat, dessen natürlicher Kreislauf zu stark zu Gunsten des Menschen gebogen wurde, bis die ursprüngliche rohe Schönheit des Ortes gänzlich verloren gegangen ist und nunmehr der Abfertigung unzähliger Urlauberscharen gilt

Arepaverkäufer

Immer noch im Parque Tayrona trifft man mittlerweile auf eine Vielzahl von Straßen-händlern, die morgens um vier den ersten Bus nehmen und sich auf den beschwerlichen Marsch von rund zwei Stunden durch den tropischen Regenwald einlassen, nur um den Touristen am Strand ihre Waren feilbieten zu können. Ein Geschäft, welches das Überleben sichern kann, aber abhängig von den besuchenden Menschen und der damit exponentiell einhergehenden Beschneidung der Natur ist.

SturmCabodelaVela

Es folgt eine kleine Serie von Fotografien aus der nördlichsten Provinz Kolumbiens und auch Südamerikas, der Guajira. Nach einer 22- stündigen Tour, durchgeschüttelt von Bussen, die nach jedem Umstieg voller, heißer und enger werden und aber gleichzeitig der Vallenato (Musikrichtung, typisch für diese Region und die kolumbianische Karibikküste) indirekt proportional immer lauter auf immer schlechteren Lautsprechern wiedergegeben wird. Eine Region, gezeichnet durch den Kapitalismus unserer Zeit: Die Wayuu- Indianer, Einheimische dieser Wüstenregion, gehören in der Theorie zu einem der reichsten Volksstämme der Erde, ihr indigenes Stammesgebiet befindet sich auf kolumbianischen und venezolanischem Terrain und ist eine der rohstoffreichsten Regionen Südamerikas, Öl und Kohle wird dort im großen Stil gefördert. In der Praxis jedoch, da die kolumbianische Regierung sehr schnelles Geld gewittert hat, wurden die Förderlizenzen an ausländische (ja, auch deutsche) multinationale Großkonzerne zu Höchstpreisen verscherbelt, sodass nahezu der komplette Gewinn in die Taschen von Europäern, respektive Amerikanern wandert und die lokale Bevölkerung am Hungertuch nagt und mit den umweltlichen Schäden, die unter anderem die Kohleförderung im Tagebau mit sich bringt, zu kämpfen hat. All das nur, damit im Winter unsere Energieversorgung gesichert ist und keine Windkrafträder in unseren Nachbarschaften stehen?

RanchoGuajira

Die Guajira ist ein Ort gezeichnet von Stille, Sand, Hitze und extremer Abgeschiedenheit. Allein von der nächstgrößeren Stadt (Uribia) zu dieser Ranch im Nirgendwo waren es drei Stunden über Sandpisten und nicht im Ansatz als Straßen zu betitelnde Wege. Wunderschön sind jedoch die Farbkontraste und die Lichtspiele zu beobachten, welche sich im Laufe des Tages ereignen und zum Teil durch die saubere Wüstenluft noch begünstigt werden. Das etwas an Vegetation, welches für eine Wüste überraschend scheint, wurde durch den ersten Regen in dieser Region seit 16 Jahren, wie uns erzählt wurde, im Wachstum begünstigt und somit verwandelte sich die Wüste zumindest zeitweise in einen etwas weniger kargen Ort.

Cabo

Am Cabo de la Vela wurde der Exkurs in die Guajira beendet. Dort hat sich an einer langgezogenen Bucht im Laufe der Zeit eine kleine Wayuusiedlung gebildet, die sich hauptsächlich durch den raren Warenverkehr und die Vermietung kleiner holzverschlagener Hütten an Touristen über Wasser hält. Etwas, dass mir sehr im Gedächtnis geblieben ist, ist der unbrechbare Stolz der Indigenen: Selbst nach langen Nächten, geprägt von gegenseitigem kulturellen Abtasten und Beschnuppern, geben sie sehr wenig ihrer eigenen Kultur, aus Angst vor Missbrauch, preis und halten sich auch gegenüber dem Großteil der Reisenden sehr bedeckt. Es ist eher eine Duldung als eine harmonische Gastfreundschaft. Gespräche in ihrer gutturalen Natursprache hören sich an wie Märchengeschichten aus dem Anbeginn der Menschenzeit. Keineswegs war das jedoch als Unfreundlichkeit aufzufassen, mich hat es eher gefreut, dass so versucht wird, nicht jeden kulturellen und historischen Mythos zu entzaubern. Schlussendlich ist es die Guajira mit ihren Bewohnern und Orten und der kargen, abgeschiedenen, rohen Schönheit all die Mühen und beschwerlichen Momente auf dem Weg dorthin wert, besucht zu werden.

JuanManuelLaborde

Juan Manuel Laborde ist einer der beeindruckendsten Menschen, die mir auf der Reise begegnet sind. Als sehr guter Freund meines Vaters und somit auch Bekannter meinerseits erschien er mir von Anfang an sehr vertraut und faszinierte mich aufgrund seines Schaffens und seiner Biografie. Juan Manuel ist ein Mensch, der bis zum heutigen Tag, denn diese Krankheit ist keine, die mit einem Tag endet, sobald sie erst einmal sich in das Leben geschlichen hat, in seinem Leben mit Suchtproblemen zu kämpfen hat. Seit jeher ist das ein Thema, welches für mich präsent ist und dementsprechend fühlte ich mich sehr stark mit ihm verbunden. Für eine geraume Zeit schon ist er der akuten Substanzabhängigkeit entkommen, die psychischen Narben bleiben jedoch tief und bis an das Lebensende präsent. Abgesehen von seinem ehemaligen notorischen Lebenswandel ist er ein hochintelligenter Mensch mit einem Verstand und einer Weisheit, von der man noch sehr viel lernen kann. So ein Gut zu besitzen in einem Land, in dem Bildung einer kleinen Minderheit von größtenteils weißen, reichen, ehemaligen Kolonialfamilien vorenthalten ist und eben diese den Schlüssel zu höherem beruflichen Schaffen seit jeher in den Händen halten. Ein Ort, der nach mehr als 60 Jahren es scheinbar schaffen konnte, sich aus dem ewigen Kreislauf des Krieges und der Gewalt zu lösen. Der kurz darauf einen rechtskonservativen Politiker zu seinem Präsidenten gewählt hat, der schon während des Wahlkampfes nicht vor Propaganda und Rühren der Kriegstrommel zurückgeschreckt hat. In solch einer Umgebung schaffte es Juan Manuel, sich für einen moralisch und spirituell richtigen Weg zu entscheiden und begann mit sozialer Arbeit. Er widmet sich hauptsächlich der Hilfeleistung für substanzabhängige Obdachlose in Santa Marta und hatte dort bis vor einiger Zeit ein offenes Haus, einen Zufluchtsort geschaffen, an dem diese Personen, denen das Schicksal mehr als übel mitgespielt hat, Schutz und menschliche Wärme gemischt mit frischen Klamotten und einem brühwarmen Kaffee bekamen. Wiederum all das in einer Bevölkerung, die tatenlos zusieht, wie Gewerkschaftler, Politiker, Sozialarbeiter, Philosophen und Wissenschaftler von rechtsgerichteten paramilitärischen Kampfverbänden systematisch ausradiert werden, um den Status quo mit aller Macht zu verteidigen und beizubehalten. Juan Manuel wurde es allein durch institutionalisierte Prozesse und aktiven Machtmissbrauch von Behörden erschwert, so einen sicheren Hafen aufzubauen, was sich mit dem Wissen um unseren Sozial- und Wohlfahrtsstaat in Deutschland kaum erklären lässt. Nachdem der Politik- und Stimmungswechsel es für ihn finanziell sowie sicherheitstechnisch unmöglich machten, das Projekt weiterzuführen, arbeitet er über seine Organisation „Fundacion Tous Tou“ weiter an der gesellschaftlichen und humanen Lösung für die Probleme von Obdachlosigkeit und Sucht in Santa Marta und Kolumbien.

Jorge PerezMatasiete

Das letzte Porträt gehört einer Person, deren Schlag ausstirbt, aber eben jener sagt für mich sehr viel über das klassische Bild eines kolumbianischen Mannes aus. Jorge Perez, alias Matasiete (zu deutsch Siebentöter), bekam seinen Namen von den Dorfbewohnern des früher noch sehr kleinen Ortes Samacá in den kolumbianischen Anden. Übertragen bedeutet der Name, dass Jorge in seinem Leben schon so gut wie alles gemacht und gesehen hat und bei großen politischen Ereignissen immer an vorderster Front mit dabei gewesen zu sein scheint. Den Charme seiner Erzählungen macht jedoch immer aus, dass man sich nicht sicher sein kann, welche seiner mannigfaltigen Anekdoten exakt so geschah, welche im Nachhinein, damit sie eine gute Geschichte abgeben, aufgehübscht und gerafft wurden und welche, was auch nicht ganz so selten wie erhofft vorkam, gänzlich seiner Fantasie entsprungen waren. Mit den Stilmitteln des magischen Realismus anscheinend bestens vertraut, erzählt er die Begebenheiten stets auf eine so sympathische Art und Weise, dass man, selbst wenn man später herausfindet, dass der Großteil Schwindel war, es ihm nicht übelnehmen kann. Nachfolgendes stammt nur aus seinen Erzählungen, also muss man die Fakten mit etwas Vorsicht genießen: Aufgewachsen als Person von Rang und Stand, besuchte er die Universität in der Hauptstadt Bogotá und machte früh Karriere im Militär. Da Kolumbien jedoch zu jener Zeit zum unzähligsten Mal in blutige Konflikte geriet und sich die grausamen Ereignisse, welche heute als „La Violencia“ in der Geschichtsschreibung zusammengefasst werden, entwickelten, war Jorge dort intensiv verwickelt und beschmutzte sich mit Blut und Untaten, die in solchen Zeiten jedoch von allen politischen Kräften im Land ausgingen und niemanden verschonten. Den Erzählungen nach entstand auch so sein eher brutaler Beiname. Als er sich, genug von den Auseinandersetzungen, aus den Brandherden des Konfliktes zurückzog und in den Wirren des Krieges sich angeblich an die Karibikküste oder sogar nach Amerika durchschlug (hier verliert sich ein wenig die Genauigkeit der Erzählung) und dort im Kohlebergbauglänzte, ließ er sich in Samacá nieder, denn schon früh war bekannt, dass es in der dortigen Region an fossiler Steinkohle nicht mangelte. So verlebte er dort seine besten Tage, umhüllt von den rauschenden Festen des damals exponentiell wachsenden Dörfchens und verprasste große Teile seines angeblichen doch recht stattlichen Vermögens. Schlussendlich ließ er sich in der Nähe des Grundes, welchen damals meine Urgroßtante besaß, nieder und half ihr mit dem Bestellen der Felder und mit dem Verkauf der kargen Ernte. Heute, eine Generation nach der anderen überlebend, ist er zuständig für die Verwaltung und Instandhaltung des Erbes dieser Seite meiner Familie. Er ist ein alter Herr, gebeugt, offensichtlich gezeichnet von seinem Leben als Arbeiter in jeglichem Sektor, ausgestattet mit einer ausgewachsenen Kohlestaublunge und das Augenlicht verlierend, allen voran durch seinen ordentlichen Guarapo- und Chichakonsum (beides Unterarten von Alkohol, hergestellt aus fermentierten Säften des Zuckerrohrs), und dennoch strahlt er, insbesondere sein Gesicht, eine Art von Weltklugheit aus, welche einem nicht alle Tage begegnet. Seinen Kommentar, falls man einmal die Muße hat und sich all seine Geschichten bis zum Schluss anhört, um Rückfragen stellen zu können, bezüglich seiner Gesundheit und seiner anhaltenden harten körperlichen Arbeit tut er schulterzuckend ab mit dem Satz: „No le paro bolas a esa vaina.“ Ein Übersetzungsversuch ins Deutsche: Juckt mich einen Scheißdreck.

RioAtratoGoldschürferboot

Das letzte Bild der Serie wurde an einem Ort aufgenommen, von dem wir nicht wussten, dass er existiert, geschweige denn, dass es uns dorthin verschlagen würde. Die Rede ist von Quibdó, Hauptstadt der am Pazifik liegenden Region Choco. Der ganze Choco ist aufgrund fehlender Straßen kaum zu bereisen noch zu erreichen, wir bekamen jedoch von meinem Vater gesteckt, dass Nuquí, eines der dortigen Küstenstädtchen, ein unglaublich schöner und magischer Ort sein muss und mit diesem Floh im Ohr versuchten wir alles, um dorthin zu gelangen. Nach zähen Verhandlungen mit einer stoischen alten Dame in einem Reisebüro und Aufwendung jeglichen Charmes, den wir als Backpacker noch besaßen, willigte sie schlussendlich, besorgt wie alle kolumbianischen Damen mit dem Herzen einer Löwenmutter aufgrund anhaltender Konflikte in der Region, ein und verkaufte uns drei Tickets für die Busfahrt nach Quibdó. Von dort aus würde uns dann später ein Flugzeug nach Nuquí befördern. Nach einer elfstündigen Busfahrt für eine Luftlinienstrecke von 130 km (in Deutschland sind das vielleicht zwei Stunden auf der Autobahn), welche sich als die schönste und auch absolut schauderhafteste der ganzen Reise herausstellen sollte, gespickt mit unbefestigten Straßen, 20 % Gefälle, Gegenverkehr, und endlosem Taumeln und Schaukeln am Abgrund, kamen wir in einem Busbahnhof, der eher einem Bretterverschlag ähnelte, in sengender Tropenschwüle an. Gleich nahm uns ein wachsamer Taxifahrer unter seine Fittiche und erklärte uns, in der Retrospektive betrachtet, mit einer gehörigen Portion Rassismus, wie wir uns in der hauptsächlich von Afrokolumbianern bewohnten Stadt zu verhalten hätten, wo wir uns blicken lassen dürften und wo wir uns des nächtens keinesfalls hin trauen sollten, was im Endeffekt so ziemlich jede Gegend der Stadt war. Kurz zum Hintergrund: Quibdó ist mehr oder weniger die Goldgräberstadt Kolumbiens. Da der Choco sehr dicht mit tropischem Regenwald bedeckt ist und die jahrzehntelang andauernden Bürgerkriege mit der FARC den Zugang zu einem Großteil der Region versperrt hatte, lagen dort unheimlich große, unausgeschöpfte Rohstoffvorkommen, allen voran Gold, Silber und Platin, welche vor allem im illegalen Tagebau mit der Verwendung von Unmengen an giftigen Stoffen wie Quecksilber erschlossen werden. In Quibdó ist das Goldwaschen jedoch immer sehr stark vertreten, da der große Río Atrato sehr viel Gold aus dem Gestein auswäscht und somit dieser Prozess doch ergiebig genug ist, um einige Menschen mit einem guten Einkommen zu versorgen, wobei hier im Endeffekt wie mit allen Wertschöpfungsketten die Zwischenhändler, welche das Material auf den Weltmarkt hieven, am meisten profitieren und nur ein Bruchteil des Geldes im Ursprungsland bleibt. Das Boot auf dem Bild bildet dabei ein Bindeglied, denn es transportiert den edelmetallhaltigen Sand und Schlamm, welchen die Arbeiter in den tieferen Bereichen des Flusses an das Tageslicht befördern, an die Ufer, an denen geübte Goldwäscherinnen und Goldwäscher mit flinken Bewegungen den Ballast von dem Wertvollen trennen. In dieser Stadt schlägt gewissermaßen ein dunkles Herz, getrieben durch die Gier nach dem Gold und dem schnellen Geld. Wir als Touristen bekamen von vielem nichts mit, nichtsdestotrotz konnten sogar wir das Gemunkel über sagenhafte Funde und damit einhergehende blutige Auseinandersetzungen um den Gewinn nicht überhören. Überall schlug uns eine gehörige Portion Skepsis entgegen, denn die wenigen Ausländer, welche es in diesen isolierten Teil des Landes verschlägt, sind ungern gesehen, nichts ist störender für die örtliche Schattenwirtschaft, als Personen, die sich von außen versuchen in das System einzuklinken, zu integrieren und im schlimmsten Falle einen Teil des Geldes abzwacken wollen. Doch da wir von dem Ganzen weder etwas wollten noch uns irgendwo versuchten einzumischen, waren wir sozusagen geduldete Durchreisende.

Nun mag sich mancher Leser fragen: Wieso langweilt er uns mit solch persönlichen Anekdoten, auf die die wenigsten Bezug nehmen können und die zusätzlich auch noch vor etwas mehr als einem Jahr geschahen, was in unserer schnelllebigen Zeit fast einem Jahrzehnt gleicht? Ich muss an diese erste weite, lange Reise, die wahrlich jegliche Kompetenzen in mir forderte und mich mit dem Heimatland meiner Mutter enger zusammenschweißte denn je, in letzter Zeit sehr viel zurückdenken. Sie brachte in mir einen Samen zum Treiben, welcher dort wahrscheinlich schon vor meiner Geburt gepflanzt wurde und mich mein Leben lang begleiten wird. Die Rede ist von der Dualität meiner Gefühle, bezüglich jeder Person, welche Worte wie Heimat oder Herkunft in den Mund nimmt, um damit aufs Schäbigste Politik zu machen und versucht, die innersten Instinkte und Ängste von uns Menschen für seine Zwecke zu manipulieren. Der Angst vor Veränderung, Verfremdung des Bekannten, Umgestaltung von dem berühmten „running system“, an dem heute so viele Menschen in der Minderheit und ohne Stimme zerschellen, wird so ein idealer Nährboden geschaffen. Die Identifikation meiner selbst wird mir immer schwerfallen. Natürlich, ich gehöre hierher und plane momentan meine Zukunft und meine Karriere hier, nichtsdestotrotz es ist in mir ein absolutes Verlangen, fast ein Reflex, Geschehnisse um mich herum immer aus zwei Perspektiven, mit zwei Hintergründen zu betrachten, denn es ist eben unumstößlich, dass in mir irgendwo die zweiseitige Herkunft schlummert. Auch sehe ich genau diesen Aspekt meiner Persönlichkeit mit einer Verantwortung einhergehen, meinem Umfeld und meinen Mitmenschen, welche nicht unbedingt mit solch einem Konflikt sozusagen geboren wurden, diesen ihnen zu erläutern und zu dokumentieren, wie sich meine Sichtweise auf die Umwelt und die Geschehnisse gestaltet, nicht aber aus einer privilegierten oder hochnäsigen Position, sondern mit einer aufklärerischen Mission. Ich hoffe, der ein oder andere konnte sich durch diesen Text zumindest kurzzeitig mit mir, meinem Erlebten und meinem inneren Chaos identifizieren oder ansatzweise erfassen, was mich erwog, all diese Gedanken in Schriftform abzufassen. Zuletzt, nur eine Bitte: Bereist die Welt! Haltet immer die Augen offen nach neuen und spannenden Möglichkeiten, denn die Vertiefung und Verästelung des Charakters durch das Erfahren neuer Kulturen und neuer Umfelder sind genau das, was Menschen interessant macht und jeden individuell und auf lange Sicht nur bereichern kann. Denn, man bedenke: Wir sind nicht dort, in diesen anderen Leben und Ländern, nicht in der gleichen Situation, deshalb können wir nicht begreifen, nicht fühlen wie das Fremde funktioniert und weshalb es uns so fremd erscheint.

Text: Santi / Fotos: Santi

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