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All the way from Kanagawa – ein Interview mit Anwar Malloy

Anwar Malloy ist Ethnograph und Creative Strategist. Er hat gefühlt bereits überall auf der Welt gelebt und gearbeitet – Vor einer Weile ist er nach Japan gezogen, von wo er regelmäßig Fotos und Videos teilt (@anwarsarmoire). Im kalten Berlin festsitzend, wollte ich diesen visuellen Eindrücken eine zusätzliche Dimension verleihen und habe mich entschlossen, ein Interview mit Anwar zu führen. Das Ergebnis sind spannende Eindrücke und Erfahrungen, von denen ihr unten lesen könnt.

All the way from Kanagawa – ein Interview mit Anwar Malloy

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Warum bist du nach Japan gegangen?

Ehrlich gesagt hatte es damit zu tun, dass ich nicht mehr zurück in die Staaten wollte. Vor allem, weil ich nicht mehr in New York oder LA gelebt hätte, sondern in Philadelphia. And that’s not it: Philadelphia hätte sich wie Zeitverschwendung angefühlt. Ich habe mich außerdem um über ein-hun-dert Jobs in den Staaten beworben. Aber aus diesen Bewerbungen, haben sich vielleicht zwei Gespräche ergeben. Es war echt hart, es war eine ernüchternde Erfahrung. Und dann kam das Angebot aus Tokio.

Im College habe ich ein Semester Japanisch belegt. Abgesehen davon hatte ich nicht viel Interesse, nach Japan zu gehen. Selbst nach Jobangebot und sogar ein paar Wochen, bevor ich tatsächlich hergezogen bin. Dann bin ich in meinem Kopf noch einmal alles durchgegangen: diese völlig idiosynkratische Kultur, das Essen, Tokio als Fashion-Mekka, Design und Architektur, die Tradition, die noch so lebendig ist. Tradition ist eine wichtige Sache, sie sagt so viel über die Leute, die dort leben. Und ich wollte das alles sehen.

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War es schwierig dorthin zu ziehen?

Ich habe mein Visum sehr schnell erhalten. Aber alles andere? Ein Wohnung finden und diese ganzen Dinge? Das ist ein bisschen komplizierter. Du musst diesen ganzen Papierkram machen und alles ist auf japanisch. Das ist nicht wie in Deutschland, wo die meisten Leute Englisch sprechen können. Hier verstehen die meisten nur Japanisch.

Ich habe an tausend verschiedenen Orten gelebt: Boston, Los Angeles, New York, Baltimore, Massachusetts und Cambridge, kurz in Kopenhagen, eine Weile in Berlin. Also dachte ich mir: „Anwar, du kannst überall leben, geh nach Japan“. Aber ich sage dir: alles ist anders. Das Timing, die Geschwindigkeit, Interaktionen, Traditionen… bis heute begegnen mir immer wieder Überraschungen. Ich musste so viel Neues lernen – allein wie man die Bahn benutzt. Am Anfang kam ich meistens eine Stunde zu spät zu meinen Terminen. Aber Pünktlichkeit ist hier extrem wichtig. Das war super frustrierend.

Was machst du gerade?

Ich arbeite für eine etablierte japanische Marke, die Anzüge und Apparel produziert. Jetzt investiert dieses Unternehmen in ein paar unterschiedliche Ventures wie Hotels, Restaurants und Englischschulen. Ich mache dabei viel Organisation und Marketing. Es ist nicht genau das, was ich wollte, aber für den Moment eine gute Gelegenheit. Who the hell knows?

Ich bin außerdem dabei, eine eigene Brand aufzubauen und hier habe ich die Möglichkeit, Gewohnheiten zu entwicklen, die es mir ermöglichen ein Business zu betreiben. Ich sehe, wie Leute auf eine ganz andere Art arbeiten und gerade in Japan, wo jeder so effizient ist, wirkt sich das positiv auf meine eigene Arbeit aus. Diese Strukturen werden mir in Zukunft viel nutzen.

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Wo genau wohnst du?

Am Anfang habe ich in einer Gegend namens Kawasaki gelebt, die sehr nah bei Tokio liegt. Jetzt lebe ich in Kanagawa, auch bekannt als Yokohama. Ich habe das Gefühl, jeder, der hier lebt, ist entweder 6 oder 60 Jahre alt. Es ist sehr ruhig.

Was liebst du an Japan?

Die Menschen gehen sehr respektvoll miteinander um. Man sieht das daran, wie sich alle Leute für den Zug anstellen ohne vorzudrängeln oder wie sie sich beieinander bedanken. Ihnen sind andere wichtig. Die Gastfreundschaft ist unglaublich. In jedem Store wirst du extrem freundlich begrüßt – egal, wie du aussiehst. In den USA ist das oft anders: Wenn du als schwarzer Mann einen Laden betrittst, wirst du beobachtet. Wenn ich hier beobachtet werde, geht es darum herauszufinden, was ich möchte.

In Japan bin ich ein Außenseiter und habe kaum Ablenkung. Es gibt wenig, worüber ich mir Sorgen machen muss. Ich fühle mich fast wie ein Vierjähriger, der aufsteht und alles hat, was er braucht. Es macht mich sehr glücklich, dass Japan so viele Momente zurück in meinen Kopf bringt, weil ich hier inneren Frieden finde und nachdenken kann. In den USA habe ich das nicht. Unter anderem liegt es daran, dass ich mir hier als Schwarzer nicht ständig Sorgen machen muss um die Jungs in Blau. Das gibt mir so viel Erleichterung und war einer der Gründe, warum meine Mutter und meine Schwester wollten, dass ich herkomme. Die Typen halten dich an und denken nicht: „Aha er ist auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch“. Sie sehen nur deine Haut. Hier sind Leute eventuell rassistisch und haben Angst, aber niemand zieht eine Waffe.

Was magst du nicht so?

Japaner sind nicht so sozial. Oft kommt auch die Sprachbarriere hinzu – etwa 90% der Zeit. Du weißt ja, dass ich sehr extrovertiert bin. Oft schaffe ich es, dass die Leute sich öffnen, aber manchmal ist es echt anstrengend. Und shit: meine Interaktionen mit Frauen hier sind super seltsam, aber lass uns nicht darüber reden.

Außerdem ist es irgendwie robotermäßig. Viele arbeiten bis zum Limit – ununterbrochen, sogar wenn sie eigentlich mit ihrer Aufgabe fertig sind. Japaner schlafen durchschnittlich 6 Stunden pro Nacht, also siehst du mega viele Leute im Zug schlafen. Ich glaube, das liegt oft an dem Stress bei der Arbeit. In Japan gibt es viele Geschäftsleute, die in ihren kleinen Hotels leben und sich praktisch in den Schlaf trinken. Wenn du den letzten Zug verpasst, musst du bis 5 Uhr morgens in der Station warten. Manche Leute schlafen mitten auf der Straße ein. Ich sehe das positiv: du kannst wörtlich mitten auf der Straße einschlafen und niemand wird dir irgendetwas tun.

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Die Menschen auf deinen Fotos teilweise sehr szenig und modebewusst aus: Wie würdest du sie beschreiben?

Ich wusste viel über Fashion und die Kultur in Tokio – mehr als viele andere wahrscheinlich. Trotzdem war ich überrascht, wie viel High Fashion man sieht: Eine Menge Kids tragen Balenciaga’s, als wären es Vans. Die meisten Leute, die ich auf der Straße sehe, sind Studenten und ich habe mich immer gefragt: „Was machen diese Leute? Wie können die hier rumhängen mit all den teuren Klamotten an und die ganze Nacht draußen verbringen?“ Und dann denkst du daran, wie alle Leute im Zug ausgeknockt sind und mit ihrer Shopping Bag in der Hand schlafen: Escada, YSL, Gucci. Aber niemand stiehlt irgendwas.

Letzte Nacht bin ich zu einer 10$ Party gegangen. Virgil Abloh legte auf mit diesen ganzen Japanischen DJ’s, die eigentlich besser waren als Virgil selber. Im Club waren diese Kids, von denen ich geredet habe. Dazu noch Typen um die 35, die für diese ganze Szene den Weg bereitet haben. Alle mega gut angezogen. In Berlin trägt jeder seine dreckigen Schuhe. Hier versucht man, seine Sachen makellos zu halten – das ist einfach japanische Kultur. Deshalb sind Vintage-Sachen hier auch so gut.

99% aller Leute, die du auf meinen Fotos siehst, sind tatsächlich aus Japan, trotzdem findest du kleine Grüppchen von Amerikanern, aber die meisten sind Japaner. Viele, die hier herziehen, sind auf einem ähnlichen Trip wie ich damals in Berlin. Die meisten Leute kommen wegen Fashion, Fashion, Fashion, Fashion, DJ´s und Rap. Sie machen nicht viel, außer Bekanntschaften. Aber letzten Endes kannst du an solche Bekanntschaften oder echte Freundschaften kein Preisschild heften.

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Glaubst du, dass viele Leute Vorurteile über die Menschen in Japan haben? Wie würdest du diese Vorurteile korrigieren?

Es gibt viele Vorurteile darüber, wie Menschen hier aussehen und was sie anhaben. Ich glaube, viele erwarten, dass die Leute sich viel konservativer anziehen und für große Teile der Menschen ist das sogar wahr. Aber du musst natürlich zwischen den Leuten unterscheiden, die in den Vororten leben und denen die tatsächlich in Tokio wohnen. In Yokohama, wo ich lebe, sehen die meisten sehr westlich, preppy und suburban aus. Aber in Tokio siehst du wilde Sachen. Soziale Normen sind den Leuten egal. Und das ist gut: In deinem kreativen Prozess sollte es dir egal sein, was jemand darüber denkt, was du tust oder wie du aussiehst. Viele Leute haben hier diese Einstellung, fast wie ein Mantra.

Japaner sind anders als du es erwartest. Sie kopieren, was sie zum Beispiel im Fernsehen sehen und es sieht toll aus. Es ist fast, als ob sie diese Dinge studieren und dann übertreffen sie das Original nochmal. Ich stehe da total drauf. Du siehst viele Leute, die aussehen als kämen sie direkt von der West Coast oder aus New York. Das bringt mich oft total aus dem Konzept. Du redest mit so jemandem und merkst, dass er nicht aus Baltimore oder New York oder LA kommt, sondern einfach ein netter Japaner ist – ganz ohne die Attitude, die du in diesen Städten erwartest. Japaner machen das aus Respekt vor diesen Städten und Kulturen. Sie haben eine großes Interesse an schwarzer Kultur. Aber viele verstehen nicht ganz, wo die Dinge herkommen, die sie sich aneignen.

Interview: Emma Luz Nefetari / Text: Anwar Malloy / Fotos: Anwar Malloy

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