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Santiagos Gedanken zum Einzug der AfD in den Bundestag

Zum Einzug der AfD in den Bundestag stellte das “jetzt.de”- Magazin der “SZ” die Frage, was in jedem vorgehen würde, nachdem dies jetzt klar geworden sei. Hier meine Antwort:

Hauptsächlich gehen in mir zwei Sachen vor: Angst und Schuld. Angst, denn meine Mutter ist aus Kolumbien und der Liebe wegen nach Deutschland gekommen und gilt somit dem BAMF nach als klassische Migrantin. Meine Schwester und ich haben somit, obwohl wir hier in Deutschland aufgewachsen, zur Schule gegangen und zweisprachig durch unseren deutschen Vater erzogen wurden, nach Definition einen Migrationshintergrund. Klar wurden wir beide von klein auf gefördert und gefordert, was es mir ermöglicht hat, als einer der wenigen Kinder aus meiner Grundschule hier in Neuperlach auf das Gymnasium zu gehen und auch mein Abitur zu schaffen und somit wiederum zur Minderheit zu gehören, welche das ohne akademischen Hintergrund geschafft hat. Mein Freundeskreis war von klein auf immer sehr divers. Die Kinder aus der Nachbarschaft, welche alle aus verschiedensten Winkeln der Erde kamen, haben mich gelehrt, solch eine Vielfalt zu akzeptieren und die daraus resultierende Bereicherung im Alltag zu genießen. Unterschiede waren mir bis zum Übertritt auf das Gymnasium zwischen uns Kindern kaum klar. Doch von jetzt auf gleich wurde ich mit anderen Familien und Kindern konfrontiert: aus Mert und Emre wurden Maxi und Fabian, aus Zehra und Ajda plötzlich Anna und Laura. Man hat sich, nicht anders als vorher, sehr gut verstanden und es gab keine Probleme aufgrund dieses Wandels, ganz im Gegenteil. Lehrkräfte zeigten uns den Umgang miteinander und bereiteten uns auf die Begegnung mit der großen Welt vor. Doch ich merkte einen Unterschied: Mein alter Freundeskreis aus der Grundschulzeit wurden mir mit der Zeit fremd. Ich umgab mich mit anderen sozio-ökonomischen Schichten und entfernte mich von dieser kulturellen und ethnischen Diversität, welche ich heute von Zeit zu Zeit misse. Jetzt, in meinem bisher kurzen Arbeitsleben, auf welches ich mich nach der langen Schulzeit gefreut hatte, denn es fühlte sich in dem Moment an wie Freiheit, wurde mir aber einiges bewusst: Der Großteil der Menschen sieht mich mit anderen Augen. War es meine etwas dunklere Haut, die dunklen, störrischen Locken oder nur mein Vorname, gar die Gegend in der ich wohnte und aufgewachsen bin. Mir wurde klar: Ich wurde das erste Mal in meinem Leben mit Vorurteilen, gar Ressentiments und in den schlimmsten Fällen auch einer Abneigung oder Sonderbehandlung aufgrund dieser Merkmale konfrontiert. Dies konnte ich anfangs noch gut überspielen, ich bin auf Kommentare nicht eingegangen, habe darüber gelächelt oder sogar selbst darüber gewitzelt. Doch mit der Zeit merkte ich, wie sich etwas veränderte, ich wurde angespannter, hinterfragte diese Äußerungen meiner Mitmenschen und entwickelte gewissermaßen eine Übersensibilität, was diese Themen anbelangt, nur auf eine Tatsache konnte ich mich verlassen: Es sind die Ausnahmen, nur du nimmst sie zu überspitzt und konzentriert wardie Mehrheit deiner Mitmenschen sind ganz anders, du weißt es aus dem täglichen Umgang am besten. Heute, nach der Bundestagswahl, zeigt sich aber ein anderes Bild: Ich habe Angst. Angst davor, dass es eben nicht die Ausnahmen waren, welche ich erfuhr, sondern die stumme Mehrheit mich mit solchen Augen sieht. Sorge, dass es mehr wird. Angst, dass sich wegen solcher Äußerungen und ihrer heutigen Salonfähigkeit sich unsere Gesellschaft zunehmend verändert, in eine Gesellschaft der Extreme, der Härte, der lauten Worte. Sorge, dass meine Freunde aus der Nachbarschaft, welche noch öfter damit konfrontiert werden und systematischer ausgegrenzt werden, eines Tages nicht mehr sehenden Auges weghören können, sondern auch in abysshafte Tiefen abdriften, aus denen sie kaum noch jemand befreien kann.Edward6

Und damit kommen die Schuldgefühle. Hätte ich diesen Menschen, so gern ich der Konfrontation aus dem Weg gegangen bin, nicht die Stirn bieten sollen? Ihnen klar, laut und deutlich mitteilen, dass ich ihr Verhalten nicht dulde? Mich damit zum Polarisationsobjekt machen? Oder gar die verunsicherten Menschen, welchen ich auch begegnet bin, nicht durch links-utopistische Reden und Nichtbeachten ihrer Ängste und Nöte, welche diesem Gedankengut zuhauf entspringen, zu beruhigen bzw. vor den Kopf zu stoßen? Hätte ich mich vielleicht doch viel früher parteipolitisch engagieren sollen, um all dem eine Stimme zu geben, ihm geschlossen gegenüberzustehen?

Fragen über Fragen, auf viele habe ich leider bis zum heutigen Tage keine Antwort, aber ich weiß jetzt zumindest, nach dieser Wahl, dass sich etwas ändern muss. Ich muss endlich anfangen, selbst in meinem persönlichsten Umfeld jegliche Ansätze dieser Reden und Argumente zu finden und sie zu bekämpfen, mit Argumenten und sachlichen Auseinandersetzungen, da, wo sie noch auf fruchtbaren Boden landen, und dort, wo schon Hopfen und Malz verloren ist, mit flammenden Reden für unsere demokratischen Werte und Grundsätze einzustehen. Ich kann nicht aus Bequemlichkeit und Konfrontationsscheue darauf hoffen, dass ein Anderer sich dieser Person annehmen und es schon irgendwie wieder richten wird. Und sobald alle von uns zumindest versuchen, dies zu erreichen, wird unser Land ein kleines, oder vielleicht sogar ein großes Stück besser sein.2019-02-12-0017

Text: Santi / Fotos: Santi

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